Mobilista, Bloggerin und Business Angel Heike Scholz unterhielt sich mit uns über die Zukunft von BlackBerry und Windows Mobile, über Jason Calacanis, was die neue Härte im Patentkampf für Web-Startups bedeutet und in welche Art von Startup sie investieren würde.
Oliver Gassner: Hallo Heike, würdest du dich unseren Lesern bitte kurz vorstellen?
Heike Scholz: Ich bin Consultant, Blogger, Speaker, Business Angel und ich tue sicherlich noch ein paar Dinge, für die es keine direkte Bezeichnung gibt. Jedenfalls bin ich im Mobile Business unterwegs und das schon seit sechs Jahren.
OG: War das Maß an ‘Mobilisierung’, das wir heute haben, vor 6 Jahren vorstellbar?
HS: Ja, absolut. Ich hatte es eigentlich schon viel früher erwartet.
OG: Wir hinken Japan und den USA hinterher? Oder wer ist ganz vorne bei ‘SoLoMo’ (social local mobile)? Südkorea?
HS: Sicherlich ist der asiatische Raum uns in seiner Innovationsfreude und Geschwindigkeit voraus. Hier natürlich Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur und in einigen Bereichen auch Indonesien und Thailand, um nur ein paar zu nennen. Die USA waren lange Zeit weit hinter uns, haben aber in den vergangenen fünf Jahren so massiv aufgeholt, dass sie mit Leichtigkeit an uns vorbeigezogen sind. Aber auch europäische Länder wie Großbritannien, Spanien und einige skandinavischen Länder liegen vor uns.
OG: Wir erleben ja gerade die Schlacht zwischen Android und iOS. Müssen wir uns um Windows Mobile und Blackberry noch kümmern? Und wird Android iOS irgendwann erdrücken?
HS: Um Windows Mobile auf jeden Fall. Die beiden Dickschiffe Nokia und Microsoft verfügen über genug Ressourcen, dieses Rennen locker mitzugehen. Und das Nokia Lumia 800 zeigt, dass man sie nicht unterschätzen sollte. BB ist wiederum etwas anderes. Hier sieht es derzeit schlecht aus, der Niedergang insbesondere in den USA ist massiv. In Asien hält sich BB noch recht gut. Was aus ihnen wird, ist sehr ungewiss.
Android ist schon heute das führende OS und wird es auch zukünftig bleiben, daran besteht kein Zweifel. Apple war bisher immer ein hochpreisiger Nischenanbieter, und es bleibt abzuwarten, ob sich Apple wieder voll und ganz auf diese Rolle zurückziehen wird oder auch im mittleren Preissegment unterwegs sein möchte. In der Gesamtsicht, was Absatzzahlen angeht, wird iOS aber wie auch andere Betriebssysteme eine Weile keine Chance gegen Android haben.
OG: Ist es denkbar, dass in dem Markt noch mal ein Player auftaucht und die Sache noch mal neu aufrollt? PalmOS hat es ja versemmelt – warum eigentlich? Der Pre war ja per se ein cooles Maschinchen.
HS: Denkbar ist in diesem hochdynamischen Markt ja fast alles. Auch, dass noch ein Player erscheint und eine relevante Rolle spielt. Palm hat zwei Dinge nicht geschafft und ist deswegen gescheitert: Sie haben nicht schnell genug eine kritische Masse an Endgeräten verkaufen können, und es ist ihnen nicht gelungen, ein Ecosystem mit Apps und mit ihnen verbundene Services zu etablieren. Die Entwickler hatten sich schon auf PalmOS gefreut, aber sie müssen einen Grund bekommen, für eine Plattform zu entwickeln. Und dieser Grund ist immer mit einer guten Monetarisierung verbunden. Diese Möglichkeit hat Palm nicht schaffen können.
OG: Ich werfe mal das Wort ‘Patente’ in den Ring. Ist das nicht ein massives Risiko im Mobile-Markt? Aktuell geht es ja noch primär um Hardware, aber irgendwann ist doch auch die Software dran. Dann wird es hart für Startups, oder?
HS: Die Patentstreitigkeiten sind per se nichts Neues im Mobile-Markt, das hatten wir schon immer. Die Härte, mit der die Konflikte ausgetragen werden, ist größer geworden, da mehr Geld zu verteilen ist. Und Mobile hat eine höhere Aufmerksamkeit, auch bei den Medien, die hierüber nun berichten, was sie in den vergangenen Jahren nicht getan haben. Einen weiteren Aspekt gibt es: Die Hersteller, voran hier zurzeit Apple, versuchen den Abverkauf bestimmter Geräte zu verhindern, um ihre Marktposition zu schützen. Das ist im Mobile-Markt so in dieser Form neu und erstreckt sich nun schon auf Design-Parameter, siehe Samsung vs. Apple.
Sicherlich wird dies auch bei Software noch kommen, aber meiner Meinung nach den Markt nicht entscheidend behindern. Leichter wird es nie für Startups, wenn ein Markt zunehmend entwickelt ist, und schon heute sollte jedes Startup “sauber” programmieren. Die Zunft der Anwälte wird in Zukunft aber bestimmt im Mobile-Markt nicht arbeitslos werden.
OG: Was war in den letzten zwölf Monaten die App im Web oder mobil, die Deinen Alltag oder Deine Arbeit am meisten verändert hat?
HS: Google+ hat mit Abstand am meisten Einfluss auf meine Arbeit als Blogger gehabt. Und die Android App war von Anfang sehr gut, und ich habe sie sofort viel genutzt.
OG: Und was ist der Geheimtipp, was wird abheben? Gerade erlebt ja ‘Path’ einen Minibuzz. Kommt es gegen Facebook und G+ und Twitter an?
HS: Ich muss gestehen, dass ich mir Path noch nicht angesehen habe. Daher kann ich hierzu nichts sagen. Was abheben wird? Ich denke, das ist eine Frage, die wir Geeks uns immer stellen. Ich freue mich, dass Mobile nun Massenmarkt wird und sehe derzeit keine neue “Killer App” am Horizont. Aber siehe oben… ich kenne auch nicht alles
OG: Wenn du als Angel in ein Startup investierst, wonach schaust du? Was musst du sehen, damit du aufstehst und gehst – oder das am liebsten sofort tun würdest?
HS: Ich bin da nicht anders als andere Business Angel: Ein durchdachtes Konzept mit einem klaren Marktfokus, ein motiviertes und qualifziertes Team und ein Businessmodell. Wenn ich dann davon überzeugt bin, dass ein Markt existiert, der in dieser Konstellation sinnvoll bearbeitet werden kann, hat das Startup meine Aufmerksamkeit.
OG: Und was bringt dich zum Kopfschütteln? Gibt es No-Gos, selbst wenn das vorher Erwähnte alles da wäre?
HS: Eigentlich nicht, aber meine Anforderungen an das Konzept und die Herleitung vom Markt sind groß. Ich sehe zu viel, das realisiert werden soll, nur weil es technisch machbar ist. Da werden oft Probleme gelöst, die beim Nutzer gar nicht existieren. Okay, ein No-Go gibt es. Das ist so der eine oder andere VC, mit dem ich keine guten Erfahrungen gemacht habe. Hier ist leider häufig sehr viel Unwissen vorhanden, das eher stört, als dass das Geld des VCs dann hilft.
OG: Gibt es eine Anekdote, was einem als Angel so alles “Überraschendes” passieren kann?
HS: Es gibt eine immer wiederkehrende Situation, in der wohl schon jedes Startup bei der Suche nach einem Investor gewesen ist. Man hat präsentiert, lange, lange geredet, erklärt, Einwände entkräftet und versucht, alles richtig zu machen. Und nach mehreren Stunden stellt jemand auf der anderen Seite des Tisches nur noch eine einzige, letzte Frage… man freut sich schon, das Ende des Termins ist in Sicht, alles ist gut gelaufen… und diese eine, letzte Frage katapultiert einen wieder auf Los und lässt einen keine 4.000 Euro einziehen. Denn diese eine Frage zeigt, dass alles, was man erzählt hat, nicht verstanden wurde. Das ist wohl die klassische Situation, die wir alle kennen.
OG: Was hältst du eigentlich von Jason Calacanis? Ist das nur ein lauter Egomane mit Glück oder hat der wirklich Ahnung und nur eine “etwas extrovertierte Art”?
HS: Ich würde sagen, von allem etwas. Jedenfalls kann man nicht sagen, dass er keinen Erfolg hat. Und der gibt ja bekanntlich Recht.
OG: Na, die Richtung von Mahalo hat er ja massiv umgepolt, man wird sehen, was das wird. – Was brauchen Startups von außen her wirklich: Connections, guten Rat, Geld?
HS: Je nachdem wie sie selbst aufgestellt und ausgestattet sind, ist das natürlich unterschiedlich. Aber Kontakte, Tipps, Geld und vor allem Know-how bei der Internationalisierung sind Gold wert für ein Startup.
OG: Die CODE_n-Finalisten gewinnen ja Ausstellungsfläche auf der CeBIT. Was ist Dein Tipp für ein Startup, wie es diese Gelegenheit optimal nutzen kann?
HS: Man sollte die CeBIT als Kontaktmesse verstehen. Es geht weniger darum, einen tollen Messestand oder auf diesem eine mega-bunte Präsentation laufen zu lassen. Das Wichtigste auf der CeBIT war schon immer, vorher die Termine zu machen und diese vor Ort abzuarbeiten. Kaum eine IT-Messe bietet hierfür bessere Möglichkeiten. Doch ohne eine detaillierte Planung, bevor die Messe beginnt, ist man auf der CeBIT ziemlich allein als Startup.
OG: Wenn Du ein (mobile) Startup (in DACH) benennen könntest (eines, in das du NICHT investiert hast bzw. nicht berätst), das wir interviewen sollten: Wer wäre das und warum?
HS: Ich würde myTaxi interviewen. Sie haben zwar schon einiges an Aufmerksamkeit erzielen können, haben gute Investoren, die ihnen die Expansion ermöglichen. Aber was an myTaxi in meinen Augen spannend ist, ist die Tatsache, dass sie mit ihrem mobilen Service eine ganze Branche ins Wackeln bringen. Das war kürzlich in Österreich sehr gut zu beobachten, wo sie gestartet sind und dortige Taxifahrer von den Taxizentralen massiv unter Druck gesetzt wurden, nicht mit myTaxi zu arbeiten. Dieses disruptive Potential mobiler Lösungen finde ich immer wieder faszinierend.
OG: Noch eine Prise Vision. Im Blog-Wettbewerb zu CODE_n gab es die Idee, dass auf unserer Haut Nanobots leben, die unter anderem durch unsere Hirnwellen steuerbar sind oder sogar Botschaften übermitteln können. Wann sind wir soweit? 2022, 2042, 2142 oder nie?
HS: Eine schwere Frage. Wenn ich mir die Entwicklungsgeschwindigkeiten im High-Tech-Umfeld so ansehe, bin ich versucht, 2022 zu sagen. Zehn Jahre sind eine unglaublich lange Zeit in diesen innovativen Industrien. Aber es wird wohl doch eher 2042 werden.
OG: Wir sprechen uns dann wieder, oder Hirnwellensykpen oder so. Danke für das Gespräch und deine Zeit.
HS: Skype brauchen wir dann nicht mehr
Sehr gern, hat Spaß gemacht.