Der „Godfather of Internet“ Ossi Urchs sprach mit uns über die Zeit nach Facebook, das Ende von Europas innovationsskeptischer „Zitadellen-Kultur“ und weshalb er glaubt, dass Dienste wie Foursquare noch richtig durchstarten.
Oliver Gassner: Hallo Ossi, stellst du dich unseren Lesern bitte kurz selbst vor?
Ossi Urchs: Ossi Urchs, Internet-Berater seit 1994, inzwischen mit Schwerpunkt Social Media und Mobile Internet.
OG: Kürzlich hast du einige Jugendbildnisse gebloggt, da wurde deutlich, dass du aus der Fernsehecke kommst. Wie siehst du das Thema TV heute?
OU: Eher gleichgültig: Als ich Anfang der 90er Jahre das Web für mich entdeckte, kam mir TV als typisches Einweg-Medium plötzlich so “old-school” vor, dass ich beschloss, meine Arbeit zukünftig dem anderen, neuen Medium Web zu widmen.
OG: Welche Web-Anwendung, Webseite oder mobile App hat deinen Alltag in den letzten 12 Monaten am meisten beeinflusst oder geändert?
OU: Das ist eine Frage. Zunächst, schon vor dem Web, war’s E-Mail. Dann das Web selbst, dann Google, dann Skype, dann Facebook und die anderen “Sozialen” Medien im Web, insbesondere YouTube. Und das ist nur der Anfang. Ich bin mir sicher: Das Beste kommt noch. Und wenn ich noch länger überlege, fallen mir sicher noch mehr ein…
OG: Und in den letzten 12 Monaten? Gab es da ein neues Twitter? Ist G+ der Twitter-Facebook-Killer?
OU: G+ ist für mich ein weiterer Schritt in der Annäherung der Sozialen Medien im Web an die soziale Wirklichkeit des Alltags. Insofern: vielversprechend. Da das alles aber weniger eine technische Leistung, sondern eine Veränderung der Kommunikationskultur ist, können andere solche Fortschritte sehr schnell selbst integrieren. Insofern hat sich der Vorsprung von G+ heute schon wieder deutlich relativiert.
OG: Glaubst du nicht, dass Facebooks Anpassungen eher dessen Screen zumüllen und die User irritieren? Mir kommt es jedenfalls so vor.
OU: Mir eigentlich nicht: Ich liebe die neuen Listen und die differenzierten Streams, in die ich meine “Freunde” organisiert habe. Über das Design des User Interface kann man (wie übrigens bei den meisten amerikanischen Angeboten) durchaus geteilter Meinung sein. Aber eigentlich ist es immer wieder so: Zunächst gefallen den Nutzern die Neuerungen überhaupt nicht, aber schon nach kurzer Zeit haben sich alle daran gewöhnt und schweigen still.
OG: Was unterscheidet eine gute Idee von einer echten Innovation?
OU: Die praktische Umsetzung und die massenhafte Durchsetzung (in der Nutzung).
OG: Gibt es Innovation, ohne dass damit jemand Geld verdient? Oder gehört das eine zum anderen?
OU: Leider ist es oft so, dass die eigentlichen Innovatoren am wenigsten damit verdienen – jedenfalls hierzulande. In den USA sieht das durchaus anders aus.
OG: Weshalb kommen die meisten international erfolgreichen Web- und Mobile-Anwendungen derzeit aus den USA – und nur ganz wenige aus Europa?
OU: LoL. Aus genau diesem Grund: In den USA gibt es eine “Innovationskultur”, was in einem “Pionier-Land” auch nicht verwunderlich ist. Dagegen wird in der “Festung Europa” Innovation meist noch als Bedrohung der herrschenden Ordnung angesehen.
OG: Schumpeter hat ja erklärt, dass Innovation immer etwas kaputtmacht – offenbar kann sich Europa daran nicht gewöhnen. Deutschland ist also innovationsfeindlich – etwas das ich in den letzen Wochen vermehrt höre? Wie kommt man da raus?
OU: Schumpeter ist mit seiner Idee der “kreativen Zerstörung” hier nie wirklich populär geworden. Und das hat seine Gründe, die genannten, wie auch darüber hinausgehende. Ich denke, dass sich diese “Zitadellen-Kultur” in EU und insbesondere in Deutschland mit dem weiteren Verlauf der Globalisierung relativieren wird bzw. muss. Oder die Globalisierung wird über uns hinwegfegen wie ein Sturm…
OG: Worin unterscheidet sich die Mobilität der Zukunft von unserer heutigen?
OU: Im Wesentlichen durch den Grad der Virtualisierung: Während wir uns heute noch weitgehend physisch mobilisieren, werden wir das in Zukunft deutlich mehr durch digitale Kommunikation und Austausch tun.
OG: Hast du schon mal eine Entwicklung prognostiziert, die dann ziemlich genau eingetreten ist?
OU: Ich denke schon: Ich habe schon in den 90ern behauptet, dass das Internet die ganze Art wie wir leben und arbeiten, lernen und uns unterhalten von Grund auf verändern wird. Und ich denke, das ist genau so gekommen.
OG: Wagst Du hier und jetzt eine Prognose, was ganz konkret das nächste große Ding im Netz sein wird?
OU: Die Verbindung von Social Media und Mobile: Das wird nicht nur erneut unsere Art zu leben und zu arbeiten fundamental verändern. Sondern das wird z.B. auch zu einer Art der Konvergenz von digitaler und physischer Welt führen, die wir heute erst in Ansätzen absehen und erst recht verstehen können.
OG: Gibt es da einen Service, an den Du denkst? So richtig abheben tut Foursquare ja noch nicht, oder Latitude?
OU: Das liegt daran, dass sie selbst wie ihre Kunden das eigentlich dahinter stehende Geschäftsmodell noch nicht verstanden haben: die vielfältigen Kombinatoriken, die da zwischen Information und Verkauf entstehen, zwischen Online- und Offline-Business, wenn du so willst. Aber da bin ich eigentlich ganz zuversichtlich: Bei Google hat es auch einige Jahre gebraucht, bis man das dort entstehende Geschäftsmodell wirklich kapiert hatte. Und das gilt nicht nur für die Kunden, sondern v.a. für die Macher selbst.
OG: Die 50 Startups, die es ins Finale des CODE_n Global Innovation Contest schaffen, erhalten die Chance, ihr Unternehmen in der CODE_n-Halle auf der CeBIT 2012 zu präsentieren. Was glaubst du, welche Art von Idee oder Geschäftsmodell dort die größte Aufmerksamkeit bekommt?
OU: Im Moment sehe dich die größten Chancen für Konzepte, die auf den “3Säulen” der Web-Kommunikation aufbauen; “SoMoLo” – also soziale Kommunikation mobilisieren und mit lokalen Informationen anreichern.
OG: Welchen Tipp würdest du Startups geben, um bei der CeBIT aufzufallen?
OU: Besondere Speisen und Getränke anbieten (jenseits des unsäglichen Messe-Caterings). Einen Ort der Ruhe schaffen. Und wenn gar nichts hilft: eine Stand-Party. Und ganz bei der Sache: Eine “Hands-On” Variante des eigenen Angebots zum Ausprobieren am Stand haben.
OG: Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wie es war, als wir keine Handys und kein Internet in der Hosentasche hatten? Ist das Leben besser geworden? Einfacher? Komplexer?
OU: Ich kann mich sehr gut daran erinnern, insbesondere in Situationen, in denen ich heute noch auf diese Lebensart zurückgeworfen werde – was ich durchaus auch genießen kann. Vorausgesetzt ein Ende ist absehbar (etwa im Urlaub). Insgesamt ist das Leben in diesem Zusammenhang deutlich komplexer und gleichzeitig auch bequemer geworden.
OG: Und zum Schluss zwei Gewissenfragen: iOS oder Android? Facebook oder Google Plus? Und warum?
OU: iOS, weil ich ein waschechter “Macianer” bin – aber v.a. weil das Ganze einfach mühelos funktioniert. Das hat Steve verstanden. Und bei FB und G+: Ich nutze beides, meist für unterschiedliche Anforderungen.
OG: Danke, für das Gespräch
OU: Ich habe zu danken