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HANSJÖRG LEICHSENRING: “ICH GLAUBE AN EINE ZUKUNFT DES BEZAHLENS MIT DEM MOBILTELEFON.”

Hansjörg Leichsenring, leidenschaftlicher Banker und Blogger, spricht mit Oliver Gassner über die Innovations(un)freude im Finanzsektor, über Paypal und Bitcoins sowie über seine Sicht auf die Occupy-Bewegung.

Oliver Gassner: Guten Tag Herr Leichsenring. Wären Sie so nett, sich unseren Lesern kurz vorzustellen?

Hansjörg Leichsenring: Hallo Herr Gassner, gerne: 51 Jahre alt, gelernter Banker mit über 30 Jahren Erfahrung im Bankbereich und aktuell Berater, Blogger mit noch ein paar anderen Aufgaben und Themen.

OG: Was sind da die Beratungsthemen, die Banken aktuell interessieren bzw. die Sie abdecken?

HL: Ich berate klassische Unternehmensstrategie mit einem besonderen Fokus auf Retail Banking und Vertriebsstrategie. Aktuell spreche ich mit Bankern viel über Innovation, Social Media und besseren Kundenservice.

OG: Sie hatten ja einen Blogeintrag, in dem Sie erklären, warum Innovation im Banking nicht der zentrale Punkt ist. Könnten Sie Ihr wesentliches Argument kurz zusammenfassen?

HL: Banken sind von Natur aus risikoscheu. Das Management von Risiken ist ja auch eine der “natürlichen” Aufgaben einer Bank. Leider betrachten (die meisten) Banker Neuerungen vornehmlich aus dieser Risikowarte, das führt dann meist zu einer Innovationsvermeidungsstrategie.

OG: Aber dann haben Sie ja doch noch innovative Bankangebote gefunden. Welche der prämierten Ansätze haben Sie am meisten beeindruckt oder erstaunt?

HL: Mich begeistern Innovationen, die am Kundennutzen aufsetzen und damit Banken tatsächlich eine wirkungsvolle Möglichkeit zur Differenzierung geben. Persönliches Finanz Management ist hierfür ein gutes Beispiel (auch wenn ich da natürlich “vorbelastet” bin). Hier ist eine echte Win-Win-Situation gegeben, bei der Kunden und Bank etwas von einer Neuerung haben.

OG: Was unterscheidet eigentlich eine gute Idee von einer echten Innovation?

HL: Steve Jobs hat ja davon gesprochen, dass man nichts erfinden, sondern nur gut beobachten und dann noch besser kopieren und adaptieren muss. Die Innovation ist die Umsetzung einer guten Idee. Ideen gibt es viele, aber sie auf den Markt und an den Kunden zu bringen, das verbinde ich mit Innovation.

OG: Aktuell richtet sich ja die Wut der Straße gegen die Banken. Sind die Forderungen der Occupy-Bewegung gerechtfertigt? Muss sich etwas ändern?

HL: Nein und Ja: Die Wut müsste sich meines Erachtens mehr gegen die Politiker als gegen die Banken richten, da diese anscheinend nicht in der Lage sind, über die nächste Wahl hinaus zu denken und lieber dem Populismus verfallen als die vorhandenen Probleme richtig anzupacken. Die Staatsverschuldung ist nicht durch Banken verursacht. Und dass Banken ihre Handlungsspielräume ausnutzen ist nicht neu, aber durchaus legitim. Aufgabe der Politik ist es, Missbräuche zu verhindern und dies möglichst proaktiv. Das ist der Politik nicht gelungen.
Aber auch Banken müssen etwas ändern: Sie riskieren seit einigen Jahren ihren guten Ruf und das über Jahrzehnte aufgebaute Vertrauen bei den Kunden. Und das nur wegen vermeintlich höherer Gewinnanforderungen der Kapitalmärkte, die ich so pauschal gar nicht zu erkennen vermag. Da muss auch ein Umdenken stattfinden…

OG: Die einen sagen: Kundengeschäft und Investmentbanken trennen. Jemand anders sagte mir kürzlich, Kreditgeschäft und Handel müssten auseinanderdividiert werden, weil für Kredite deutlich strengere Regeln gelten. Was wäre Ihr Ansatz?

HL: Zu meiner Studienzeit ist der damalige Glass Steagel Act in den USA gefallen. Damals gab es ja die strikte Trennung in Investment Banking und Commercial Banking. Wir Europäer haben immer argumentiert, dass unser System der Universalbanken besser sei, da die Risiken sich auf mehere Töpfe verteilen. Das sehe ich im Prinzip immer noch als richtig an. Allerdings sollte man Finanztransaktionen zukünftig konsequenter und höher mit Eigenkapital unterlegen müssen. Wichtig ist ein gemeinsames konzertiertes Vorgehen aller Länder.

OG: Welche Personen sind für Sie aktuell die kreativsten im Web- und Mobile-Bereich – gerne eingeschränkt auf “Banking”. Und weshalb?

HL: Meinen Sie Personen oder Firmen?

OG: Bevorzugt Personen, notfalls: Firmen.

HL: Bei Firmen würde ich Apple und Google international ganz vorne sehen, was die Kreativität im Mobile-Bereich angeht. Immer wieder neue Ideen, die sich am Kundennutzen orientieren. Bezogen auf’s Banking sehe ich PayPal als Vorreiter an. Die kombinieren sehr geschickt Payment, Rabatte und lokalisierte Angebote und sind dabei sehr pragmatisch.

OG: Paypal war ja massiv in der Kritik, weil sie beispielsweise Wikileaks das Konto gekündigt haben, obwohl in keinem Land ein Verfahren eröffnet war. Diaspora – eine Alternative zu Facebook und Google+ – hat wohl ihr Paypalkonto erst letzte Woche wieder freigeschaltet bekommen. Muss Paypal eine Bank-”Polizei spielen”?

HL: Jede (seriöse) Bank auf der ganzen Welt spielt ständig Polizei für die Staaten, wenn es um Themen wie Geldwäsche oder KYC (Know your customer) geht. Das ergibt sich aus den aufsichtsrechtlichen Pflichten. Als US-Bank müssen Sie vielleicht manchmal etwas mehr tun, wie im Fall PayPal. Darüber kann man sicherlich streiten. Grundsätzlich hat aber jede Bank die Möglichkeit, sich von Kunden auch mal zu trennen.

OG: Was wird sich in Gesellschaft, Web und Mobile die nächsten zwei, fünf, zehn Jahre ändern was unser Geld angeht? Komplett mobiles Bezahlen ohne Bankkarten? Virtuelle Währungen wie Bitcoins? Gar Wörgl-Freigeld für alle? Brechen alle großen Währungen zusammen – wie manche im Jahresrhythmus voraussagen? Oder kommt mit dem Aufstieg der Piraten gar das bedingungslose Grundeinkommen und krempelt den Arbeitsmarkt und das Steuersystem um?

HL: Es wird auch in ein paar Jahren immer noch wichtig für Kunden sein, das eigene Geld einer Bank anzuvertrauen. Insofern dürfte es spannend sein zu sehen, ob neue Marktteilnehmer auf Kooperationen mit Banken setzen oder eigene Institute aufmachen. Ich persönlich glaube an eine Zukunft des Bezahlens mit dem Mobiltelefon. Karten werden irgendwann „out“ sein. Aber die Transformation wird nicht von heute auf morgen erfolgen, so wie hierzulande auch der Euroscheck nur allmählich verschwand. An einen Währungszusammenbruch glaube ich nicht. An “freie” Währungen auch nicht. Das Beispiel bitcoins hat ja gezeigt, dass da ganz schnell Spekulanten den Ton angeben. Da ist mir staatliche Aufsicht doch lieber und sicherer. Die Piraten müssen wohl erst mal eine eigene Meinung zu vielen, gerade auch wirtschaftlichen Themen entwickeln. Transparenz ist gut und wichtig, ist jedoch eine Rahmenbedingung und kein Patentlösungsrezept. Allerdings wird damit (genau wie durch die Grünen) sicherlich wieder Bewegung in die Politik kommen. Und ein Umkrempeln des Steuersystems ist sicherlich schon lange geboten…

OG: Ist das Modell der Grundeinkommen-Leute denkbar: alle Subventionen und Steuervergünstigungen abschaffen und stattdessen 50% Umsatzsteuer? Natürlich graduell eingeführt mit wachsendem Grundeinkommen?

HL: Wohl kaum. Eine höhere Umsatzsteuer belastet ja vor allem kleinere Einkommen. Aber man sollte sich mal an Modelle à la Kirchhoff und Merz zurückerinnern. Die Abschaffung von Subventionen und Steuervergünstigungen wäre ebenfalls hilfreich. Man muss halt mal weg von der Lobbypolitik aber das setzt natürlich auch das entsprechende Fachwissen bei den Politikern voraus…
Sozialstaat ist eine tolle Sache. Ich bin auch ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Manchmal denke ich aber, Ludwig Erhard würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen könnte, was die Politik daraus gemacht hat. Wir brauchen dringend mehr Eigenverantwortung. Der Staat hat primär eine subsidiäre Aufgabe und kann nicht jeden einzelnen “retten”.

OG: Gut, über kompetente Politiker reden wir nicht hier ;-) – Und zum Abschluss: Was ist eigentlich das größte Missverständnis von Nicht-Bankern gegenüber Banken?

HL: Dass alle Banker dröge, humorlose Zahlenmenschen sind. Viele wohl schon, aber längst nicht alle. Die meisten sind ganz normale Menschen.

OG: In diesem Sinne: Vielen Dank für das Interview! ;-)

HL: Ich bedanke mich bei Ihnen!

2 Kommentare

  • 1
    25. November 2011 - 20:50 | Permalink

    Toller Blog, ich komme jetzt oefter

  • 2
    5. Dezember 2011 - 14:36 | Permalink

    [...] Innovationen, Trends und Kundenverhalten im Finanzsektor. Eines seiner Spezialgebiete ist das Thema Mobile Payment. Kennengelernt haben wir Herrn Leichsenring über Twitter und wir freuen uns sehr, dass er sich die [...]

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