Der Denker und Autor Gunter Dueck verdiente sich in seinen Jahren bei IBM den Spitznamen „Wild Duck“. Wir sprachen mit ihm über die Innovationskraft von IBM, den Sinn und Unsinn von Business-Plänen für Start-ups – und natürlich über Steve Jobs, der leider viel zu früh von uns ging.
Oliver Gassner: Guten Tag, Herr Dueck!
Gunter Dueck: Hallo.
OG: Was ist für Sie die Web- oder Mobile-Entdeckung der vergangenen 12 Monate?
GD: Na, der Rummel um das iPad, der immer mehr zunimmt. Es hat viel mit dem nun billigen Flashspeicher zu tun, jetzt brauchen wir noch LTE (Long-Term-Evolution) everywhere…
OG: Retten Irgendwas-Pads mit LTE die Verlage? Oder ist das Wunschdenken?
GD: Ich denke, dass nun viele auf dem Bildschirm lesen. Ich werde als Schriftsteller fast täglich angemahnt, den Verlag zum eBook zu drängen. Andererseits: Die Leute lesen vielleicht nicht mehr so viele Bücher, das fühle ich deutlich. Den Digital Natives ist eine schwungvolle Rede auf YouTube lieber – da kommt etwas Neues!
OG: War Steve Jobs innovativ? Oder besessen? Oder ein „guter” Manager im Sinne von „Wild Duck”?
GD: Jobs hat sich genau überlegt, was sich ein begeisterter Mensch von Computern wünschen könnte. Dass sie nicht abstürzen, gut bedienen lassen und so. Er ist der einzige, der da keine Kompromisse gemacht hat. Das hat also so etwas wie „Emotionale Intelligenz“, aber für Maschinen! Und dann hat er unbedingt eine Gabe für Attraktion. Diese Gabe ist den meisten Techies nicht gegeben, ganz unverständlich und auch suspekt (weil Techies meist seeehr introvertiert sind und sich etwa auf Bühnen schämen). Weil ihnen das eben auch suspekt ist, können sie den Erfolg von Jobs kaum kopieren, obwohl sie ihn täglich in der Zeitung studieren, aber auch bekopfschütteln.
OG: Guy Kawasaki hat in einem aktuellen Audio gesagt, dass Apple Mitte der 80er als eine Art Anti-IBM geplant war. Es gibt da ja auch diesen Orwell-Spot von damals. Haben IBM und der Rest der IT-Welt seitdem etwas gelernt?
GD: Zu schwere Frage… IBM wird immer vorgeworfen, etwas an der „Consumer-Front” verschlafen zu haben. IBM ist aber für Großkunden da und versteht die wiederum sehr genau – und ist da kompromisslos und auch attraktiv! Es ist sehr schwer, mehrere solcher Unternehmensseelen zu haben, wenn es überhaupt geht. Die ganzen Kritiker verstehen diesen Punkt nicht… dass es zu schwer ist, für alle dazu sein. Unsere politischen Parteien in Deutschland probieren das ja gerade. Tja.
OG: Dann war es natürlich sinnvoll, die Consumer-Sparte an Lenovo abzustoßen. – Um das Jobs-Thema abzuschließen: In Jobs’ „Stay hungry, stay foolish“-Rede führt er ja seinen Erfolg darauf zurück, dass er mehrfach gescheitert ist: als Studienabbrecher, als Manager von Apple das erste Mal. Beides eröffnete ihm neue Perspektiven: Kalligrafie, Design, Pixar und Toy Story. Darf man heute – als Manager oder Normalo – überhaupt noch aus Fehlern lernen und neben der Hauptkompetenz wildern?
GD: Pfui, das darf man in meiner Gegenwart nicht sagen! Fehler! Man muss Innovation als Exploration von Unbekanntem sehen, nicht als etwas, was man nach Plan richtig oder falsch macht. Ich persönlich habe NUR beim Explorieren gelernt! Heutige Unternehmen verstehen das nicht, auch nicht Kreditgeber an Start-Ups, die einen Business-Plan verlangen. Ich komme heute am besten nur noch aus dem Keller, wenn das Explorieren fertig ist… aber bei Pharma oder so geht das ja nicht…
OG: Ich wusste schon, wen ich das frage und bin auch beruhigter, wenn die Pharmaindustrie nicht in der freien Wildbahn forscht. – Was unterscheidet eine gute Idee von einer echten Innovation?
GD: „An invention is not an innovation“… Leonardo hatte doch schon (allerdings einige Zeit nach Ikarus) die Idee zum Flugzeug. Na und? Man muss da nicht nur die Technik lösen, sondern auch Flugplätze bauen, Flugsicherung einrichten, Gepäckbänder erfinden und alles so, dass es 49 Euro kostet… Dieses Einpassen der ersten Idee in die Wirklichkeit ist Innovation, also besteht Innovation aus den restlichen 99,9 Prozent der Arbeit.
OG: Was würden sie von einem Start-up statt eines Business-Plans verlangen, bevor sie ihm 100.000 oder eine Million Euro geben?
GD: Ich würde mir den neuen Unternehmer wie in einem Bewerbungsgespräch anschauen und hundert Mal prüfen, ob ich ihm zutraue, das alles zu stemmen, und ob er weiß, was ihn erwartet, und ob er eine realistische Sicht hat. Ich will sicher sein, dass er ein guter Innovator ist.
OG: Sie haben ja einen sehr beeindruckenden „Output” an Büchern und an Vorträgen. Und das früher ja neben der „normalen” Arbeit. Was brauchen Sie persönlich, um kreativ zu sein?
GD: Ich habe oft im Leben gesehen, dass etwas fundamental falsch läuft. Da muss ich doch aufmucken? Schreiben kann ich gut, dann mache ich das so, also „meine Idee” oder „die Wahrheit” zu verbreiten. Nun wäre es noch gut (als Innovation), diese Wahrheiten zu verkaufen, dass sie also das Leben verändern. Daran arbeite ich noch.
OG: Wagen Sie eine Prognose, was das nächste große Ding im Netz sein wird? In „Abschied vom Homo oeconomicus“ lagen Sie ja zum Beispiel bei den Voraussagen zu ‘mobile’ sehr gut.
GD: Na, auch zu China, Indien, Lohndumping, Burnouts und 2.0, oder? Und jetzt? In 2015 oder so wird Chinas Ökonomie so groß sein wie die der USA, das ist nicht mehr lange hin… Egal wann genau: Da China noch lange wächst, kommt eine neue Phase des Wachstums in der Welt, die zu Innovationen anreizen wird. Richtung: Das Internet wird “Betriebssystem der Welt”, dann ein Aufschwung neuer Felder wie alle Spezialtechnologie: Medizin-, Bio-, Gen-, Solar-, Nano- etc tech.
OG: Und zum Schluss zwei Gewissenfragen: iOS oder Android (oder Blackberry)? Facebook oder Google+? Und warum?
GD: Ich hab ein Blackberry, weil die IBM-Mail nur darauf kommt. Ich habe also noch nicht überlegen dürfen… Nun habe ich das Blackberry ziemlich neu, bin nicht mehr in der IBM und warte jetzt, bis es LTE-Teile gibt, dann kaufe ich mir ein iPhone 6 oder so. Oder ein Android, was weiß ich. Ich bin nicht dogmatisch, ich wähle das nach Funktionen, die ich brauche. Und zur anderen Frage: Ich habe das Gefühl, dass Facebook mehr „freundlich/appreciative” ist und Google+ dagegen nüchtern und kritisch. Je nach Persönlichkeit wird man das eine oder andere bevorzugen. Deshalb ist auch die Front so fundamentalistisch – zwischen den einen oder anderen. Ich selbst fühle mich bei Google+ wohler, weil ich von den Kritiken und harten Argumenten (und auch Unhöflichkeiten, leider) mehr profitiere als „geliked” zu werden, was aber auch schön ist. Ich bin auf beiden Plattformen.
OG: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dueck.

4 Kommentare
Emotionale Intelligenz für Maschinen – die Aussage ist an Absurdität nicht zu übertreffen. Ich kann mir zwar denken, was Sie damit sagen wollten…aber Sie haben es nicht gesagt.
[...] Gunter Dueck, ehemaliger CTO von IBM, spricht in einem Spontan-Interview mit Oliver Gassner über den Tod von Steve Jobs, die Konkurrenz zwischen Apple und IBM sowie über das falsche Wort “Fehler”. Dueck hält den Rummel iPad für das wichtigste Mobile-Ereignis der letzten zwölf Monate und hofft nun auf “LTE Everywhere”. blog.code-n.org [...]
[...] Zu unserer chinesischen Zukunft hier nur zwei von vielen Einschätzungen zur Zukunft der Marktkraft aus dem Osten: http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2011/10/11/china-ueberholt-europa-bis-2016.htm http://blog.code-n.org/2011/10/07/gunter-dueck-%e2%80%9esteve-jobs-besas-so-etwas-wie-eine-emotional... [...]
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